Rasenkönig Federer

Mit 16 spielte der Baselbieter erstmals auf dem satten Grün – es sollte sein Leben verändern. Ein Stück Sportgeschichte.

Roger Federer gewinnt in Wimbledon 2009.

Roger Federer gewinnt in Wimbledon 2009.

Text: René Stauffer

Es ist Liebe auf den zweiten Blick.

Im Juni 1998 schreitet der 16-jährige Roger Federer im Londoner Queen’s Club erstmals auf einen Rasentennisplatz. An einem Schauturnier der Junioren schlägt er den Griechen Vasilis Mazarakis – es ist der Anfang einer faszinierenden Lovestory, die seine Karriere definieren und zur grössten Erfolgsgeschichte auf diesem Belag heranwachsen wird. Sein erster Eindruck ist durchzogen: «Ich kannte Rasen nur vom Fussball. Und wenn man nicht vorsichtig war, rutschte man weg, ohne Stollen.»

Federers Rasenpremiere hinterlässt selbst in den Annalen des königlichen Clubs keine Spuren. Zu seinem ersten Bezwinger wird ein Argentinier, dessen Name auch er selber vergessen hat. Erst beim zweiten Rasenturnier, kurz darauf in Roehampton, wo er die Halbfinals erreicht, erwacht seine Zuneigung. «Ich merkte: Ah, das gefällt mir und liegt mir noch. Und so reiste ich mit einem guten Gefühl nach Wimbledon.»

Zur allgemeinen Überraschung beendet er dort am 5. Juli das Juniorenturnier als Champion – 34 Tage vor seinem 17. Geburtstag. Im Einzel gibt er in sechs Partien keinen Satz ab, und auch das Doppel mit dem Belgier Olivier Rochus beendet er als Champion.

Der Wimbledon-Sieg des 16-Jährigen bei den Junioren kommt auch für seine Eltern Lynette und Robert aus heiterem Himmel. «Wie hätten wir auch wissen können, dass er so gut ist auf Rasen?», fragt der Vater. «Er hatte ja noch nie darauf gespielt. Und wir waren ja auch nicht immer dabei.»

Federers Faszination und Affinität zu Wimbledon hat sich aber schon lange abgezeichnet. Die Idole seiner Jugend krönten sich hier alle zu Champions, von Boris Becker über Stefan Edberg zu Pete Sampras, dessen Regentschaft er 2001 beenden wird.

An der Wand seines Jugendzimmers in Münchenstein hängt auch ein Bild des efeuberankten Centre Courts, neben Konterfeis der Basketballstars Michael Jordan und Shaquille O’Neal sowie Pamela Anderson, der blonden Rettungsschwimmerin aus der Baywatch-Fernsehserie.

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Federer gewann 1998 das Juniorenturnier von Wimbledon.

Federer beim Juniorenturnier 1998.

Federer beim Juniorenturnier 1998.

2017 holte er seinen 8. Profititel in Wimbledon.

Federer bei der Siegerehrung 2017.

Federer bei der Siegerehrung 2017.

Rasen ist der anspruchsvollste aller Beläge und Federer der Prototyp des Spezialisten. Tiefer Ballsprung, natürliche Unebenheiten und die sich wegen des Wetters und durch die Abnützung permanent wechselnden Bedingungen erfordern ein hohes Mass an Flexibilität, Kreativität und Anpassungsfähigkeit.

Hier werden Künstler mit schnellen Händen, Talent und Offensivgeist belohnt. Mechanisch spielende Tennisarbeiter haben es schwer. Wie der Tennisroboter Ivan Lendl. Der gebürtige Tscheche versuchte alles, um einmal Wimbledon-Sieger zu werden, liess deswegen einmal sogar Paris aus. Er scheiterte stets, genau wie Mats Wilander und Jim Courier, zwei andere Grundlinienstrategen.

Federer pflegte schon als Junior eine komplett andere Spielweise. «Er spielte jeden Schlag anders als den vorherigen», erinnert sich die Mutter. «Und er hatte immer unheimlich viel Mut», sagt der Vater. «Schon als junger Bursche kam er oft ans Netz. Er hatte auch nie Angst, die Bälle aus allen Positionen zu smashen. Wenn er Fehler machte, machte er sie halt.»

Roger Federer über seine Liebe zum Rasentennis. Video: Adrian Ruch/Tamedia

Im Gegensatz zu Sand, wo er seine ersten elf Partien auf der Profitour verliert, muss der junge Federer auf Rasen nicht lange auf den Durchbruch warten. Bei seinem einzigen Challenger-Turnier erreicht er in Surbiton die Halbfinals, wo er dem Armenier Sargis Sargsian unterliegt.

Auf der obersten Turnierstufe scheitert er 1999 und 2000 zwar in vier seiner fünf Anläufe in der Startrunde und einmal sogar in der Qualifikation, in Nottingham gegen Donald Johnson (1999). Aber schon an seinem dritten Turnier erreicht Federer dazwischen in Halle 2000 die Viertelfinals. Also doch: Er kanns.

Er lässt sich auch durch die zwei Startniederlagen nicht entmutigen, mit denen seine Wimbledon-Karriere bei den Grossen beginnt. 1999 unterliegt er knapp Jiri Novak, 2000 auf dem neuen Court 1 dann Jewgeni Kafelnikow. Er gewinnt zwar keinen Satz, aber dennoch sagt er: «Ich traue mir zu, einmal Wimbledon-Sieger zu werden.»

Zu diesem Zeitpunkt eine sehr gewagte Aussage. Doch schon ein Jahr später lässt er Taten folgen, als er im Achtelfinal zu einem seiner aufsehenerregendsten Siege kommt. Er ringt den 7-fachen Wimbledon-Sieger Pete Sampras 7:6 (9:7), 5:7, 6:4, 6:7 (2:7), 7:5 nieder und beendet damit sensationell dessen Siegesserie an diesem Turnier nach 31 Partien.

Wimbledon war ein Ort vieler grosser Siege ...

Federer nach seinem Sieg gegen Pete Sampras 2001.

Federer nach seinem Sieg gegen Pete Sampras 2001.

… aber auch einiger bitterer Niederlagen.

Federer bei seinem verlorenen Halbfinal 2016 gegen Milos Raonic.

Federer bei seinem verlorenen Halbfinal 2016 gegen Milos Raonic.

Es wird Federers einzige Wettkampfpartie gegen Sampras bleiben, und heute sagt er: «Das war vielleicht mein Lieblingsmatch aller Zeiten.» Die folgenden zwei Spiele in Wimbledon verliert er allerdings. 2001 im Viertelfinal gegen Tim Henman, 2002 in der Startrunde gegen den ihm unbekannten Kroaten Mario Ancic. Eine Drama, doch dies wird seine letzte Niederlage auf diesem Belag für sehr, sehr lange Zeit bleiben.

In den folgenden fünf Jahren bleibt Federer auf diesem Belag ungeschlagen und gewinnt zehn Turniere in Folge, je fünf in Halle und in Wimbledon. Die Rekordserie reisst erst am 6. Juli 2008 im dritten Wimbledon-Final in Folge gegen Rafael Nadal. Nach 65 Siegen und auf dramatische Art, nach fünf Sätzen und in der fortgeschrittenen Dämmerung, um 21.16 Uhr.

Was ihn auf Rasen so stark macht, erklärt Federer heute so: «Rasen hebt meine Stärken hervor und verdeckt etwas meine Schwächen. Ich kann darauf spielen, wie ich will, nach meinen Regeln. Wenn du dich so fühlst – bei Rafa Nadal in Paris muss es ähnlich sein –, kannst du den Ball früh oder spät nehmen, chippen, mit Topspin spielen, ans Netz kommen oder hinten bleiben. Ich habe alle Optionen, und so kann ich gegen verschiedene Gegner verschiedene Taktiken anwenden. Das gibt dir Luft, um Probleme zu vermeiden oder Partien zu gewinnen.»

Der Final 2008 dauerte bis um 21.16 Uhr.

Federer und Nadal am Ende des Finals 2008.

Federer und Nadal am Ende des Finals 2008.

Noch heute gilt dieser Final als einer der besten der Geschichte.

Federer bei der Siegerehrung 2008.

Federer bei der Siegerehrung 2008.

Allerdings, fügt er an, sei die Rasensaison für ihn auch tückisch. «Der Druck ist für mich gross, denn die Saison ist so kurz, und es gibt wenig Möglichkeiten zur Vorbereitung.» Wichtig sei die Mentalität: Punkt für Punkt müsse man kristallklar wissen, was man tun wolle. Unsicherheiten werden rasch bestraft. «Wenn du einmal im falschen Moment blinzelst, kann das zur Niederlage reichen.» Denn Rasen ist auch ein Equalizer: Nirgendwo sind starke Aufschläger schwerer zu breaken als hier.

Wie Federer seine Siege im All England Club am meisten freuen, erschüttern ihn hier Niederlagen wie nirgendwo sonst. «Es war bei weitem die schlimmste Niederlage, schlimmer kann es nicht mehr kommen. Das hier ist ein Desaster», sagt er nach der Niederlage gegen Nadal. Inzwischen sieht er jene Partie wegen der Qualität und ihrer sporthistorischen Bedeutung etwas positiver.


Rekordspieler unter sich: Björn Borg, Pete Sampras, Roger Federer und Rod Laver (v.l.)

Und nur ein Jahr später erobert er sein Reich zurück. Das 5:7, 7:6, 7:6, 3:6, 16:14 gegen Andy Roddick macht ihn zum ersten 15-fachen Grand-Slam-Sieger der Geschichte. Auch Pete Sampras, Rod Laver und Björn Borg sind gekommen, ihn zu ehren.

Wimbledon ist für Federer aber nicht nur der Ort, an dem er seine spielerische Klasse am schönsten zur Geltung bringt. Er macht das Turnier auch zum persönlichen Laufsteg, auf dem er sich profiliert und Grenzen auslotet.

Wimbledon ist auch immer ein Ort ...

2003 trug Federer noch Rossschwanz.

2003 trug Federer noch Rossschwanz.

… der speziellen weissen Outfits.

Die Trophäen sind 2018 auch auf seinen Schuhen.

Die Trophäen sind 2018 auch auf seinen Schuhen.

In einer sanften Revolution gegen die strikten Kleiderregeln der konservativen Briten, die Weiss als dominierende Farbe vorgeben, beginnt er mit seinen Outfits zu experimentieren. Dabei geht er auch manchmal zu weit.

2009 erscheint er in einer an eine Militäruniform aus der Kolonialzeit erinnernden weiss/goldenen Jacke auf dem Centre Court und macht sich zum Objekt von Spott und Häme. 2013 pfeifen ihn die Organisatoren zurück, als er mit Schuhen mit orangen Sohlen antritt. Selbst diese müssen weiss sein, auch bei einem mehrfachen Champion.

Auf seinen 7. Wimbledon-Sieg muss Federer dann drei Jahre warten. 2012 schlägt er bei geschlossenem Dach im Final Andy Murray, worauf bei der Siegerehrung erstmals auch die Zwillinge Myla und Charlene aus seiner Box applaudieren.

Federers Wimbledon-Outfits

2006 lief Federer mit Jacket auf den Platz.

2007 mit Jacket und langer Hose.

2008 gab es eine Strickjacke mit Emblem.

2009 spielte er sich in einer Art Uniform ein.

2010 war eine moderne Strickjacke angesagt.

2011 griff er zum Pullunder.

2013 wurde er wegen der orangen Sohlen zurückgepfiffen.

2018 lief er erstmals in Uniqlo-Kleidern ein.

Auf den 8. Wimbledon-Sieg muss sich Federer dann sogar fünf Jahre gedulden – Jahre, in denen er immer wieder hören muss, seine Zeit sei vorbei, er habe den richtigen Moment zum Aufhören verpasst. Umso triumphaler spielt er sich 2017 ohne Satzverlust zum Pokal, nach einem einseitigen Final gegen den durch eine Blase am Fuss handicapierten Kroaten Marin Cilic.

Nun sind auch Leo und Lenny, die dreijährigen Zwillinge, an der Siegerehrung dabei. Sie hätten keine Ahnung gehabt, was unten auf dem Rasen geschah, sagt Federer. «Wahrscheinlich haben sie gedacht, das sei eine nette Aussicht und ein hübscher Spielplatz.»

Federer ist nun erstmals alleiniger Rekordsieger, mit 35 Jahren und 11 Monaten zudem der älteste Wimbledon-Champion der Geschichte. Wie leicht ihm dieser achte Titel gefallen ist, wirft die Frage auf, was möglich gewesen wäre, wenn er nicht immer wieder mit seinen Rückenproblemen zu kämpfe gehabt hätte, immer so fit und austrainiert gewesen wäre wie jetzt. Insbesondere die zwei Finalniederlagen gegen Novak Djokovic in den Jahren 2014 und 15 scheinen im Rückblick alles andere als zwingend.

2017 feierte die ganze Familie mit Federer.

Siegerehrung 2017.

Siegerehrung 2017.

In Wimbledon fühlte sich Federer schon immer wohl.

Trainingspause 2011.

Trainingspause 2011.

Aber wer will schon mäkeln angesichts dieser märchenhaften Wimbledon-Story? Federer ist längst der unbestrittene Rasenkönig, über die ganze Karriere betrachtet, der bisher grösste der Tennisgeschichte.

Er hat auf diesem Belag in der Profiära Marken gesetzt und Massstäbe erreicht, die schwer zu toppen sein werden, mit bisher 19 Turniersiegen und 181 Erfolgen in 207 Partien, was eine Siegbilanz von 87,4 Prozent ergibt. Auf Sand steht sein entsprechender Wert bei 76 Prozent, an Hallenturnieren bei 80,8 Prozeht und auf Hardcourts (outdoors) bei 83,7 Prozent.


Federer beim Champions-Dinner 2017.

Und so kreuzt Federer 2017, nachdem er schon am Australian Open nach fast fünf Jahren Unterbruch und einer sechsmonatigen Turnierpause wieder einen Majortitel gewonnen hat, noch einmal als «King of grass» ans traditionelle Champions Dinner in der Guild Hall in der Londoner Innenstadt auf.

Der Spanierin Garbiñe Muguruza, der Siegerin der Frauen, erklärt er an diesem Abend auf der Bühne: «Wimbledon-Sieger bist du nicht nur einmal. Wimbledon-Sieger bleibst du dein ganzes Leben lang.»

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  • Impressum
  • Text: René Stauffer, Mitarbeit: Adrian Ruch
  • Fotos: Getty Images, Keystone, Reuters
  • Video: Adrian Ruch/Tamedia
  • Produktion: Anna Baumgartner

Federer an seinem Lieblingsturnier.

Federer an seinem Lieblingsturnier.

© Tamedia