Gaias Kampf gegen die Krähen

Die Stadt Thun hat einen Falkner mit der Vertreibung der Saatkrähen beauftragt.

Ein Augenschein in der Schwäbisallee zeigt, dass die Methode erfolgreich ist.

Sachte befreit Ulrich Lüthi das Falkenweibchen von der Kopfhaube. Kaum hat Gaia das Tageslicht erblickt, gellen ihre Schreie durchs leere Thuner Schwäbisbad. Der Falkner setzt den Vogel auf einer Stange ab und geht ein paar Meter auf Distanz. Dort legt er das sogenannte Federspiel, ein in Leder gebundenes Metallstück, auf den Boden. Auf seinen Pfiff hin stürzt sich Gaia auf den Gegenstand, als wäre dieser ein Beutetier. Dabei ist sie durch eine Lockleine mit einem leeren Kanister verbunden, damit sie nicht davonfliegen kann. Gaia verkrallt sich ins Federspiel, schlägt mit den Flügeln um sich und pickt auf den Gegenstand ein. Nach einer Weile gelingt es Lüthi, ihr den Gegenstand wieder zu entziehen. Schliesslich setzt sich Gaia erneut auf Lüthis Handschuh, als ob nichts gewesen wäre.

«Fliegen auf Federspiel» nennt sich der Vorgang. Er dient in der Falkenzucht eigentlich dazu, den Jagdtrieb des Zuchttieres zu wecken. Beim Falkeneinsatz im Thuner Schwäbis geht es dabei aber vor allem darum, die Saatkrähen zu verjagen, die sich seit Jahren mit Dreck und Gekrächz in der Allee bemerkbar machen.

Der 53-jährige Lüthi hat vor vierzehn Jahren mit der Falknerei begonnen. Was einst als Hobby begann, hat sich zu einem wirtschaftlichen Standbein entwickelt. Die Stadt Thun ist nicht die erste Gemeinde, die Lüthi um Hilfe im Kampf gegen die Krähen gebeten hat. Auch in Münsingen oder im freiburgischen Schmitten war der Falkner schon im Einsatz. Dort wie auch in Thun gab es regelmässig Beschwerden aus der Bevölkerung wegen des Lärms und des Kots der Vögel, der die Reinigungsequipen mit Mehrarbeit belastet.

Die Saatkrähen sind seit Ende der Achtzigerjahre im Siedlungsgebiet präsent (siehe Kotext). Herkömmliche Vergrämungsmethoden wie etwa das Schneiden der Bäume zur Verhinderung des Nestbaus haben sich als unzulänglich erwiesen. Nun soll Lüthi mit seinen Falken verhindern, dass sich die Rabenvögel in der Schwäbisallee einnisten. Bisher hat er damit offenbar Erfolg gehabt. Beim Ortstermin sind zwar noch Kotspuren am Boden und an einer Bank ersichtlich. Von den Krähen lässt sich aber kaum eine mehr blicken.

Gaia erhält eine Belohnung

«Als ich Ende September hier begann, waren täglich dreissig bis vierzig Krähen zugegen», sagt Lüthi. Die regelmässige Präsenz der Falken habe eine nachhaltige Wirkung auf die Rabenvögel. Meist reiche es aus, mit einem Greifvogel auf dem Arm durch die Allee zu marschieren. «Ein Falke bedeutet Alarmstufe eins für die Krähen. Sie kehren nicht wieder zurück», sagt Lüthi.

Der Falkner wiederholt nun die Übung mit Gaia – diesmal allerdings mit einer echten Beute, einem toten männlichen Küken. Lüthi ersteht die Jungtiere auf Hühnerfarmen, wo sie nach der Geburt umgehend getötet werden, weil sie keine Eier legen. Die toten Küken würden ansonsten im Abfall landen. Gaia hat gemerkt, dass es eine Belohnung gibt, und scheint nun noch lauter zu schreien als beim ersten Mal. Blitzschnell fliegt sie auf das tote Küken zu, das Lüthi auf dem Federspiel deponiert hatte. Das Falkenweibchen braucht nur wenige Bisse, um die Beute vollständig zu verschlucken. Damit ist ihr Einsatz für diesen Vormittag auch schon wieder beendet. «Bei einem satten Greifvogel macht es keinen Sinn, seinen Jagdtrieb wecken zu wollen», sagt Lüthi.

«Wir prüfen das natürlich auch»

Plexiglashauben, Laserstrahlen, Uhu-Attrappen: Die Stadt Bern hat eine ebenso lange wie erfolglose Geschichte im Kampf gegen die Krähen.

Mitte der Nullerjahre hatte die Stadt Bern kapituliert: Nach erfolglosen Versuchen mit der Montage von Plexiglashauben über den Nestern und dem Einsatz von Laserstrahlen wurde die Vergrämung der Saatkrähen eingestellt. Die Rabenvögel wussten dies zu schätzen und haben sich in den Folgejahren zügig vermehrt. Die Zahl der Brutpaare stieg von 755 im Jahr 2012 auf 1050 Paare im April dieses Jahres. Angesichts dieser Zahlen haben die Behörden die Vergrämungsmassnahmen vor einigen Jahren wieder aufgenommen. Dabei wurden mit dem Einsatz von Uhu-Attrappen gewisse Erfolge erzielt – zum Beispiel an der Tellstrasse im Nordquartier. «In den letzten drei Jahren ist die Zahl der Krähen massiv zurückgegangen», sagt Urs Frieden, Präsident von Dialog Nordquartier. Er gehört zu einer Gruppe von Freiwilligen, die während der Brutzeit zwei Uhu-Attrappen betreut. Dabei geht es darum, die Uhus zu unterschiedlichen Tageszeiten durch Ziehen einer Schnur in Bewegung zu versetzen.

«Wir werden die Uhu-Attrappen voraussichtlich weiterhin anbieten», sagt Sabine Tschäppeler, Leiterin der städtischen Fachstelle Natur und Ökologie. Über weitere Vergrämungsmassnahmen will sie nichts sagen, da die Planung der nächsten Saison noch nicht abgeschlossen sei. Der Einsatz von Falknern werde aber «natürlich auch» geprüft. Die Situation in Bern sei aber nicht vergleichbar mit Thun. «Die Krähen lösen sich nicht in Luft auf, sondern verlagern sich lediglich.» Zudem habe die Stadt mehrere Kolonien, die sich wohl innerhalb eines Quartieres verteilen würden. «Ob und wo eine Vergrämung mit Falken verantwortbar ist, müssen wir zuerst sorgfältig abschätzen», sagt Tschäppeler.

Urs Frieden ist da weniger zurückhaltend. «An Krähen-Hotspots in der Stadt sollte man alle legalen Methoden zur Vergrämung prüfen», sagt der Präsident von Dialog Nordquartier.

Text: Bernhard Ott
Bilder: Franziska Rothenbühler
Video: Frank Geister
Umsetzung: Naomi Jones, Gianna Blum

© Tamedia