Dem Wolf auf den Fersen

Seit letztem Sommer ist im Grenzgebiet der Kantone Bern und Freiburg erstmals ein Wolfspaar unterwegs.

Das sind die besten Voraussetzungen für die Bildung eines Rudels.

Intensiv beobachtet werden die Wölfe von den Freiburger Wildhütern – eine Reportage.

Erich Peissard (r.) und Pascal Riedo.

Ein halb zugewachsener Weg führt in den Wald, aus dem Gras ragen kniehohe Rottannen. Solche Wege würden oft von Wildtieren benutzt, weil sie Schutz und wenig Hindernisse böten, sagt Erich Peissard, Wildhüter und Fischereiaufseher des Kantons Freiburg. Er beaufsichtigt den ans bernische Gantrischgebiet angrenzenden Bezirk Muscherenschlund/Schwarzsee. Er und sein Stellvertreter Pascal Riedo lassen ihre Blicke über den Boden schweifen. Rasch entdecken sie im aufgeweichten Boden Hirschspuren. Doch heute suchen sie nicht nach Hirschen. Sie suchen die Spuren der Wölfe.

Ein paar Meter weiter stoppen sie erneut: An einem Baum ist eine Fotofalle befestigt, die auf diesen Weg gerichtet ist. Peissard betreut in seinem Gebiet neun Fotofallen, die er alle drei bis vier Wochen aufsucht, um die Batterien zu wechseln. An Ort und Stelle kann er die Bilder der Kameras auf sein Handy laden. Wenn sich etwas bewege, schiesse die Kamera fünf Bilder hintereinander, sagt Peissard. Damit der Wolf nicht gestört wird, verwenden sie nur Schwarzblitz. «Deswegen ist die Qualität der Bilder nicht so gut, aber wir brauchen sie ja nicht fürs Album», sagt er. Heute gibt es keine Bilder, die Kamera hat nicht richtig funktioniert.

Spuren von gestern
Am Ufer des nahen Bachs hat Riedo aber im Sand Spuren entdeckt. «Die sind vom Wolf», sagt er. Obwohl sie vom Regen vom Vortag stark ausgewaschen sind, sieht er, dass sie frisch sind. «Vielleicht von gestern.» Er ist dem Wolf dicht auf den Fersen.

«Bereicherung der Biodiversität»

«1997 habe ich den ersten Wildhüterkurs zum Thema Luchs, Bär und Wolf besucht», sagt Peissard. Ab 2009 war eine Wölfin in der Region unterwegs. Später wurde sie von einem anderen Weibchen abgelöst, und letzten Sommer ist dann ein Rüde dazugestossen. «Sie sind sicher auch auf der Berner Seite», sagt Peissard. Erstmals nachgewiesen wurde das Männchen denn auch im Kanton Bern (siehe Interview). Es riss in Boltigen eine Ziege, und wurde aufgrund von DNA-Spuren identifiziert.

Jetzt, im Frühling, kann man bequem mit dem Auto auf die Alpen fahren, die zerstreut unterhalb der Stierenegg liegen. Im Winter muss Erich Peissard die Ski anschnallen und braucht mehrere Stunden, um zu den Fotofallen zu gelangen. Ziel der Dauerbeobachtung sei es, zu verstehen, wie sich die Wölfe im Gebiet bewegten und wie viele Tiere es gebe.

Denn bald könnte ihre Zahl beträchtlich steigen. «Die Möglichkeit, dass sie Junge haben werden, besteht», sagt Peissard. Denn die beiden beobachteten Tiere sind zusammen unterwegs. Auch während der Paarungszeit zwischen Januar und März seien sie zusammen in die Fotofallen getappt.

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Wildtiere, die sich wieder ansiedeln und vermehren, sorgen in der Schweiz für emotionale Debatten. Das zeigte die Wiederansiedlung des Luchses und das zeigt die Rückkehr von Wolf und Bär. Aber auch das Wildschwein, der Hirsch und der Biber kehrten zurück oder konnten sich wieder verbreiten. «Das ist eine Bereicherung der Biodiversität», sagt Peissard. All die neuen Tierarten machen die Arbeit der Wildhüter aufwendiger, aber er sagt: «Die Tiere gehören in dieses Gebiet.»

Zu wenig Herdenschutzhunde

Ein Kuckuck ruft und kündigt den Frühling in den Bergen an. Bei einer der Alphütten ist der Senn bereits mit Vorarbeiten für die Alpsaison beschäftigt. Wenn er über den Wolf spricht, will er anonym bleiben. Schnell wird klar, dass ihn das nicht kaltlässt. Er befürchte Probleme mit den Kälbern, sagt er.

Mit rund 100 Kühen, Rindern und Kälbern zieht er im Sommer auf die Alp. «Der Luchs hat auch ein Kalb angegriffen», sagt er. Wie das mit einem Wolfsrudel noch gut gehen soll, könne er sich nicht vorstellen. Zumal die Tiere auch nachts auf der Weide seien und nicht wie Schafe mit Herdenschutzhunden bewacht werden könnten.

Anton Brügger sieht das anders. «Der Einsatz von Herdenschutzhunden ist die einzige Methode», sagt der Schafhirt aus Plaffeien (FR), Präsident des Jagdvereins Diana Sense Oberland und Hundezüchter. Bei der Zucht von Herdenschutzhunden ist er Pionier.

«Das Problem ist, dass es zu wenig Hunde gibt.» Auch Rinder, Gänse oder Truthähne könnten mit Herdenschutzhunden vor dem Wolf geschützt werden. Aber es gebe auch Sennen und Hirten, die nach wie vor glaubten, sie brauchten keinen Herdenschutz. «Ein Wolfsrudel bringt neue Probleme für ungeschützte Herden», sagt er.

«Weniger Gämsen schiessen»

Viel Erfahrung mit Wölfen, Schafen und Herdenschutzhunden hat auch Markus Nyffeler. Mit rund 1500 Schafen zieht er im Sommer im Grenzgebiet der Kantone Bern und Freiburg auf die Alp. Im letzten Jahr seien zwei von vier Herdenschutzhunden ausgefallen.

«Mit nur zwei Hunden hat es nicht funktioniert», sagt er. Über 40 Schafe seien vom Wolf gerissen worden. Jetzt hat sich Nyffeler neue Hunde besorgt, und zumindest anfänglich will er seine Schafherde von sechs Hunden beschützen lassen. Mehr Ärger als mit dem Wolf hat der Schafhirt aber wegen der Herdenschutzhunde. Viele Leute störten sich an den Hunden, auf der Alp, aber vor allem auch im Tal, sagt er. Denn ausserhalb der Alpzeit leben die Hunde im Dorf. «Nachbarn haben deswegen sogar Unterschriften gesammelt.»

Nyffeler hat zehn Jahre Erfahrung mit Wölfen, gesehen hat er sie aber noch nie. «Nur gehört habe ich sie», sagt er. Und im vergangenen Jahr hat er eine interessante Beobachtung gemacht: Mehrere gerissene Schafe seien innerhalb kürzester Zeit ganz aufgefressen worden. «Zwei Wölfe allein schaffen das nicht», sagt er. Dies sei ein Hinweis darauf, dass das Wolfspaar schon letztes Jahr Junge gehabt habe.

Bafu erwartet weitere Rudel

Der Wolf ist in der Schweiz auf dem Vormarsch. Wichtig für die Akzeptanz sei, dass auch Abschüsse möglich seien, heisst es beim Bund.

Die Zahl der Wölfe in der Schweiz wird auf rund 45 geschätzt. Gemäss Angaben des Bundesamts für Umwelt (Bafu) sind drei Rudel nachgewiesen (GR/SG, TI und VS). «Wir erwarten in diesem Jahr die Bildung von weiteren Rudeln», sagt Reinhard Schnidrig, Chef der Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität beim Bafu.

Das erste Wolfsrudel bildete sich 2012 im Calanda-Gebiet oberhalb von Chur. Das Walliser Rudel befindet sich in der Region Augstbord, jenes im Tessin im Val Morobbia. Im Jahr werden 200 bis 250 Nutztiere von Wölfen gerissen. Die Schäden nehmen tendenziell zu. Das hat laut Schnidrig auch damit zu tun, dass Wölfe in Regionen vordringen, in denen die Nutztierhalter noch nicht vorbereitet sind. Insgesamt sei der Herdenschutz aber sehr wirksam.

Das Wolfskonzept wurde 2016 überarbeitet. Es beruht auf drei Pfeilern: der Entschädigung der Risse, der Prävention von Schäden durch ein Herdenschutzprogramm und der Intervention durch Abschüsse. Das Wolfskonzept werde sehr gut akzeptiert und habe seine Tauglichkeit bewiesen, sagt Schnidrig.

Das Konzept sieht vor, dass Wölfe, die ihre Scheu vor Menschen abgelegt haben oder die einen Haushund im Siedlungsgebiet töteten, abgeschossen werden können. Diese Ergänzung sei sinnvoll, so Schnidrig. «Das beweist etwa der Wolf M75, der am Tag in Dörfern auftaucht und gelernt hat, über elektrifizierte Zäune zu springen und so den Herdenschutz zu umgehen. Solche Wölfe muss man schiessen.»

Der Wolf M75 hat in den Kantonen Graubünden, Schaffhausen, St. Gallen, Tessin, Thurgau und Zürich über 50 Schafe gerissen. Er ist in mehreren Kantonen zum Abschuss freigegeben.

Unterschiedliche Einstellung

Am heftigsten ist der Widerstand gegen den Wolf im Kanton Wallis, wo im Januar 2017 die Initiative «Kein Platz für Grossraubtiere» mit fast 10'000 Unterschriften eingereicht wurde. Aber auch in den Kantonen Graubünden und St. Gallen ist die Bevölkerung im Gebiet, das vom ­Calanda-Rudel durchstreift wird, skeptisch.

Schnidrig sagt dazu: «Die Einstellung der direkt betroffenen Bevölkerung und der Bevölkerung in Städten und ­Agglomerationen, die nicht direkt im Wolfsgebiet lebt, ist unterschiedlich.» Die Mehrheit in der Schweiz sei für die Rückkehr des Wolfes.

Der letzte Fall von Wilderei trat im Februar 2017 im Val d’ Anniviers (VS) auf: Dort wurde eine tote Wölfin gefunden. Im März 2016 war bei Raron (VS) der Kadaver eines illegal abgeschossenen Wolfs entdeckt worden.

«Wilderei ist nie ganz zu verhindern, aber kein generelles Problem», sagt Schndrig. «Wichtig ist, dass wir ein Konzept haben, des legale Abschüsse ermöglicht.» Derzeit befindet sich die Schweiz nach dem Wolfskonzept in Phase zwei «mit Paarbildung und Reproduktion in kleinen Familienrudeln». In Phase drei ist eine «flächige Ausbreitung und regelmässige Reproduktion, die zu einem Populationszuwachs von 20 bis 30 Prozent jährlich führen kann», zu erwarten. (wal)

Ausstellung im Alpinen Museum in Bern bis 1. Oktober 2017: «Der Wolf ist da. Eine Menschenausstellung.»

In der Fotofalle

Die grössten Gegner des Wolfs sind Bauern, Schafzüchter und Jäger. «Wir müssen den Wolf akzeptieren», sagt Brügger, der Präsident des Jagdvereins. Doch ein Rudel wäre wohl zu viel. «Das wäre eine Herausforderung», sagt er.

Den Jägern geht es um die Gämsen, deren Bestände in vielen Regionen der Schweiz zurückgehen. «Wir überlegen nun, weniger Gämsen zu schiessen», sagt er. Aber auch im Tal sorgt der Wolf für Gesprächsstoff. Obwohl nur wenige Menschen je einen frei lebenden Wolf zu Gesicht bekommen, glauben die Leute nun überall Wölfe zu sehen. Abklärungen der Wildhüter haben ergeben, dass es sich bisher um Hunde gehandelt hat.

Um 6.02 Uhr geblitzt

Oberhalb der Alphütten liegt noch viel frischer Schnee. Die Armee, die in dieser Gegend Schiessplätze unterhält, hat die Strasse geräumt. Die Fotofalle an diesem Strässchen kommt für den Sommer an einen anderen Ort, denn hier wird zu viel Betrieb herrschen. Aber bis jetzt war sie hier genau richtig platziert: Der Wolf ist auf den Fotos zu sehen. Am 15. April um 6.02 Uhr wurde er mehrmals fotografiert. Nur eine Minute später ist auf weiteren Fotos der zweite Wolf zu sehen.


Die Fotofalle kann auch Filmen, zwei Wölfe konnte die Kamera einfangen. Video: zvg/Amt für Wald, Wild und Fischerei Kanton Freiburg

Die Daten werden ins Monitoring einfliessen und wie Puzzleteilchen zum Bild beitragen, das sich die Wildhüter über den Wolf in ihrem Gebiet zu machen versuchen. Aber nicht nur Wölfe sind auf den Fotos. Auch ein Rehbock wurde geblitzt und der Schneepflug der Armee. «Wir hatten schon alles auf den Fotos», sagt Peissard: Hirsch, Gämsen, Fuchs, Hase, Birkhuhn - und natürlich Wanderer und Schneeschuhläufer.

Bild: zvg/Amt für Wald, Wild und Fischerei Kanton Freiburg

«Den Wölfen sagt dieser Lebensraum zu»

Herr Blatter, im Grenzgebiet Bern/Freiburg bewegt sich seit letztem Sommer ein Wolfspaar. Hat Sie das überrascht?
Nein. Wir wissen, dass Wölfe in kurzer Zeit grosse Distanzen zurücklegen können.

Was ändert sich an der Situation, sollte das Wolfspaar Nachwuchs bekommen?
Dann könnte sich ein Rudel bilden. In diesem Fall müsste das Umsetzungs­programm im Bereich Prävention und Herdenschutz gemäss Wolfskonzept Schweiz 2016 angepasst werden. Doch wir sind gut vorbereitet: Der Kanton Bern hat als einer der Pionierkantone im Umgang mit dem Wolf bereits 2007 eine Kerngruppe Wolf gebildet. Vertreter aus Landwirtschaft, Jagd und Naturschutz sowie Fachleute aus der Verwaltung arbeiten gemeinsam und treffen sich ­regelmässig, um konstruktive und einvernehmliche Lösungen zu finden.

Warum gibt es seitens der Berner Wildhut noch kein Monitoring?
Wir sind der Meinung, über die relevanten Informationen rund um den Wolf in unserem Kanton zu verfügen. Wir arbeiten hierzu aber selbstverständlich auch über die Kantonsgrenzen hinweg zusammen. So sind wir mit der Freiburger Wildhut in stetigem Austausch. Ebenso mit Kora, dem Schweizer Zentrum für Raubtierökologie und Wildtiermanagement.

Sie haben zwar noch keine ­Fotofallen aufgestellt, aber ­bestimmt andere Spuren des Wolfs entdeckt. Was wissen Sie über die Wölfe in diesem Gebiet?
Der Wolf ist ein sehr scheues Tier, das man oft über längere Zeit nicht sieht und das zudem sehr mobil ist. Gerade deshalb verfolgen wir Beobachtungen, genetische Nachweise und andere Fakten stetig und werten sie aus.

Wurden die Wölfe gesichtet? Gab es Risse?
Wir haben sporadische ­Sichtmeldungen, aber wir hatten schon über längere Zeit in diesem Gebiet keine Risse mehr.

Ist die Region Gantrisch/Schwarzsee ein Gebiet, wo der Wolf definitiv heimisch werden könnte?
Diese Frage kann ich nicht abschliessend beantworten. Tatsache ist, dass in dieser Gegend immer wieder Wölfe unterwegs waren und sich nun offenbar auch ein Wolfspaar niedergelassen hat. Dies spricht dafür, dass den Wölfen der Lebensraum zusagt. Ob dies über längere Zeit so bleibt, wird sich zeigen

Gibt es noch andernorts im Kanton Bern Wölfe?
Aktuell wissen wir von einem Wolf mit der Bezeichnung M74, der sich in der Region Sustenpass aufhält. Seine Präsenz wurde erstmals Mitte Januar 2017 im Diemtigtal im Zusammenhang mit einem Rehriss nachgewiesen. Nun haben die Resultate der genetischen Analyse diese Woche ergeben, dass es sich beim Schafriss Mitte April 2017 in Guttannen ebenfalls um M74 handelte. Dies zeigt einmal mehr, wie mobil Wölfe sind.

Bedarf es im Kanton Bern noch ­grosser Öffentlichkeitsarbeit, um die Bevölkerung auf den Wolf ­einzustimmen?
Wir sind überzeugt, dass Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtig ist. Aus diesem Grund führen wir in der Region Gantrisch am 7. Juni einen öffentlichen Informationsabend durch. An dieser Veranstaltung geht es darum, die Bevölkerung über die Präsenz des Wolfes sowie seine Lebensweise und die Konsequenzen daraus zu informieren.

Wer fürchtet den Wolf im Kanton Bern am meisten und warum?
Das kann ich nicht pauschal beantworten. Wir haben aber grosses Verständnis, wenn die Präsenz des Wolfs bei den Schaf- und Ziegenzüchtern zu Ängsten oder zumindest Unbehagen führt. Entsprechend bietet der Kanton Bern hier auch Unterstützung: So stehen der Herdenschutzbeauftragte des Kantons Bern sowie die Berner Wildhut jederzeit in Präventions- und Herdenschutzfragen zur Verfügung.

Wird man sich mit den Jägern ­finden?
Wir nehmen die Berner Jäger nicht als Wolfsgegner wahr. Im Rahmen der ­Zusammenarbeit innerhalb der Kerngruppe Wolf stehen wir in stetigem ­Austausch und haben so ein gutes ­Einvernehmen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.


Niklaus Blatter, Jagdinspektor des Kantons Bern
Interview: Anita Bachmann

Text: Anita Bachmann
Bilder: Franziska Rothenbühler
Umsetzung: Christian Zellweger

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